Norddeutsche, 7.7.16, von P. Otto
Schwanewede. Es ist Sonntagmorgen. Ein kühler Sommertag mit einem Sonne-Wol­ken-Mix. Im Ort ist es noch still. Plötzlich rollen zwei schwere Löschfahrzeuge und ein Wagen der Einsatzleitung den schmalen Hamfährer Weg zur Centaura Reitakademie hinauf. 19 Angehörige der Ortsfeuerwehr Schwanewede, vier Frauen und 15 Männer, springen aus den Autos. Doch es geht nicht zu einem Lösch- oder Rettungseinsatz.

Dies­mal sollen die Mitglieder der Freiwilligen Feuerwehr fachkundig unterwiesen werden, wie sie bei einem Brand auf einem Reiter­hof schnellstmöglich zu den Pferden kommen, um sie aus den Ställen zu holen und in Sicherheit zu bringen.

Kirsten Stier ist seit sechs Jahren Pächte­rin des Gelandes, das der Familie Bahr in der Nachbarschaft gehört. Die Anlage wird von der Reitakademie Centaura und dem Reitclub General Rosenberg genutzt. Der Verein zählt an die 450 Mitglieder, die aus der näheren Umgebung kommen. 30 Pfer­de sind in den Stallungen untergebracht. Die Tiere fühlen sich nach Auskunft der Reit­lehrerin wohl. Sie seien nervlich und kör­perlich stabil. Etwa 180 Reiter bewegen die Tiere in der Woche.

Kirsten Stier will die Feuerwehrleute zu verschiedenen Stationen der Reitanlage füh­ren, um ihnen zu zeigen, wo im Ernstfall Ge­fahrenquellen lauem. Und wie sie schnell zu den Tieren kommen, um sie auf dem kür­zesten Weg ins Freie und in Sicherheit zu bringen. Und was sie beachten müssen, wenn sie mit Tieren in Stresssituationen um­gehen. Gwendolyn Manek von der Ortswehr weiß: "Früher kannten sich die Kameraden mit Tieren aus, denn sie kamen selbst aus dem landwirtschaftlichen Bereich." Das habe sich geändert. Unter den 19 Feuer­wehrleuten gibt es heute nur noch einen Ne­benerwerbslandwirt und drei Pferdehalter.
Gruppenführerin Manek erläutert auch die grundsätzlichen Schwierigkeiten eines solchen Einsatzes. Wenn sich über den Stal­lungen Rauch zeige, sehen das die Nach­barn, aber auch Bewohner in weiterer Ent­fernung. Neben der Feuerwehr werden gleichzeitig die Pferdehalter alarmiert. Die­se setzten sich sofort ins Auto und rasten zum Reiterhof. Die Betroffenen und zusätz­lich Schaulustige blockierten dann die ohnehin schon enge Zufahrtstraße. Die Ge­bäudeanlage selbst sei verwinkelt und unübersichtlich.

Die Pferde reagierten in Stresssituationen sehr unterschiedlich. Die einen wollten ungestüm fliehen, die anderen verharrten im sicheren Stall. Hier müssten Fachperso­nal und Feuerwehr-Einsatzleitung eng zu­sammenarbeiten, um die Tiere gefahrlos zu befreien. Dafür müssten die bekannten Zu­wegungen und Fluchtwege zu den angren­zenden Weideflächen frei gehalten sowie die Löschwasserversorgung sichergestellt werden.
Kirsten Stier will die Feuerwehrleute an diesem Tag mit drei Situationen vertraut machen: Wie kann man ein Pferd sicher aus dem Stall holen? Welche Winkel und engen Zugänge befinden sich in den Gebäuden? Und wie kann man Pferde aus einem ver­unglückten Transporter befreien? Die Feu­erwehrleute teilen sich in drei Gruppen auf. In der Boxengasse zwischen den Stallungen findet sich die erste Gruppe ein. Reitlehre­rin Tanja Schieche zeigt, wie man ein Pferd aus der Box holt. Dafür setzt sie ihr eigenes Pferd ein, den 14-jährigen „Royal Revoluti­on", einen gutmütigen Hengst.

       

(Bilder: Ofw Schwanewede)

Sie zeigt, wie man ihm ein Halfter über den Kopf streift und das Tier dann aus der Stallung führt. "Wichtig ist, dass ihr immer von vorn an das Pferd herantretet und alles ruhig macht", rät Tanja. Nathalie Nestler hat noch keine Erfahrung mit Pferden. Zögernd führt die 17-Jährige den Hengst am Halltet einmal herum. "Das ging ganz gut", sagt sie anschließend. "Ich hab mich gewundert, dass einem das Pferd einfach so folgt." Auch das Anbinden des Tieres lernen die Teilneh­mer, beispielsweise mit einem geflochtenen Knoten. "Ihr müsst den Pferden auf jeden Fall Ruhe vermitteln und aufpassen, dass sie nicht panisch reagieren", sagt Gwendolyn Manek.
Für die Anlage der Reitakademie hat Löschmeister Lorenz von Lindem einen Ein­satzplan. Daraus gehen die Lage und Bau­weise der Gebäude sowie die Wege hervor. "Der Plan hat sich nicht grundlegend geän­dert, auch wenn er schon etwa 20 Jahre alt ist. Wir müssen ihn jetzt aber auf den neuesten Stand bringen", sagt er. Neben dem Stallbereich und den Reithallen gibt es auch noch eine Einliegerwohnung mit drei Räumen und sanitären Anlagen. Dort ist es teilweise recht eng. Ähnlich ist es auf dem Dachboden der Reithalle, dessen Holzkon­struktion die Feuerwehrleute erkunden.

Wie sensibel Pferde reagieren, zeigt sich, als die Feuerwehrleute über die Holzbohlen unter dem Dach poltern. Die ungewohnten Laute über ihren Köpfen beunruhigt die Tie­re in ihren Boxen. Und sie drohen aus­zubrechen. Kirsten Stier muss sie schnell beruhigen.

Schließlich erläutert Zugführer Teto tom Dieck den Gruppen an einer dritten Stati­on, wie Pferde aus einem verunglückten Transporter befreit werden können. Das de­monstriert er an einem modernen Trailer und einem schon etwas älteren Modell. Er zeigt wie Klappen entriegelt und Türen langsam geöffnet werden. "Bevor ihr etwas unter­nehmt, verschafft euch erst einen Überblick über die Lage der Pferde", rät Teto tom Dieck. Auf jeden Fall müsse ein Tierarzt he­rangezogen werden. Die Frauen und Män­ner der freiwilligen Feuerwehr lernen an die­sem Sonntag, welche Probleme bei der Tier­rettung vor Ort auftauchen können und wie man sie praktisch lösen kann.

 

 

   
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